Stimmen zu „Im Ausnahmezustand“ Hamburger Sprechwerk 2016

 

>...Catharina Fleckenstein spielt die von diesen Ängsten beherrschte Frau ebenso überzeugend wie Tom Pidde deren sich Sicherheit einredenden, in öder Routine Zuflucht suchenden Mann...<

 

Godot - Das Hamburger Theatermagazin

Von Christian Hanke

 

 

>...Die Analogie zur gegenwärtigen Flüchtlingssituation und zum Versuch, Europa abzuschotten, liegt auf der Hand. Richters Figuren sind von ihren Ängsten zerfressen. Wenn Catharina Fleckenstein als blonde Frau schleifenartig ihrem Mann (Tom Pidde) immer wieder dieselben Fragen stellt, wirkt sie wie eine Beckett-Figur, nahe am Irrsinn und gefangen in ihren gedanklichen Loops...<

 

Hamburger Abendblatt

Starke Stücke an kleinen Theatern

Von Heinrich Oehmsen

 

 

 

>Da sind Künstler, am Rande der Stadt, denk Dir, die machen Theater, um des Theaters Willen.
Die sind, so glaube ich unprätentiös, die leben für die Kunst haben diese Ernsthaftigkeit , für die ich sie so beneide.
Werden die denn nicht müde?
Wie können Narren müde werden?

Danke Tom, Ines und Catharina Fleckenstein, ich stehe in Eurer Schuld!
Danke, für die Wortgefechte, Konstanze Ullmer!<

 

Von Christian Berg auf Facebook gepostet

 

 

 

 

>"Geht es Dir gut? - Ist alles in Ordnung? - Sicher? - Also, da ist nichts...?

Irgendetwas ist doch! Schau mich mal an! - Was willst du?!"

[Aus dem Stück "Abgehörtes".)

Gespannte Familienidylle in einer spießbürgerlichen Welt, der "Gated Community", einem Wohnkomplex mit eigener Infrastruktur, Grünanlage und Kamin - schönes Leben in einer Parallelgesellschaft, stellvertretende Situation für den Momentzustand Europa's.

Türen werden fest verschlossen, der Zugangscode ist geheim, Videoüberwachung, Meeresrauschen als sublime Hintergrund-Beruhigung.

Sind da Schüsse? Ist da Meeresrauschen? Was ist bloß wahr?

Sind wir nun geschützt, oder sind wir eingeschlossen?

Die Toten in den uns umgebenden Stacheldrahtzäunen können noch verdrängt werden, in einer heilen Welt gibt es sie vielleicht nur nachts, oder nur im Traum?

Und die Tochter... Was ist mit ihr? Vielleicht verrät sie uns. Wird es keine Zukunft mehr geben, weil alles entgleitet, nicht mehr in den Griff zu kriegen ist?

Jeder hat seine Art mit Gefahr umzugehen - so auch hier auf der Bühne.

Die blonde Frau (dabei ist es ganz offensichtlich eine Perücke) mit dem adretten Sechziger-Jahre-Kleid am Bügelbrett, gespielt von Catharina Fleckenstein. Sie lässt nicht locker den Mann zu nerven, der hier sorgsam die Gartenbäumchen beschneidet.

Sucht sie Gefahr, wo keine ist? Hat sie Recht mit ihren Gefühlen, ihren Problemen, hört sie Schüsse, ist der tote Hund vor der Tür echt? Und die Freunde... Gibt es überhaupt welche?

Der Ehemann im braven Pullunder, gespielt von Tom Pidde, trägt ebenfalls blonde Perücke, kommt uns irgendwie so glattgebügelt daher. Und egal, was er sagt - und er denkt auch mehr als dass er etwas sagt - , braucht der Versager seinen Schlaf, damit das mit dem Geldverdienen klappt. Der Lebensstandard will schließlich gehalten werden.

Abstiegsängste einer westlichen Wohlstandsgesellschaft. Ganz aktuell.

Doch was ist der Preis? Sie macht sich Sorgen, er wirkt resigniert; und die behütete Tochter, amüsant und bezaubernd gespielt von Ines Nieri, wirkt irgendwie abgestellt und durchgeknallt. Lässt sie nachts Menschen durchs Tor? Misstrauen macht sich breit - trägt auch sie eine Perücke, brav mit Hofdamenzöpfchen. Es ist offensichtlich, die Freude ist dahin. Der Zuschauer spürt es längst.

Ängste bestimmen also die Bühne, es wird pausenlos geredet bis zu einem Moment der totalen Stille - in diesem Fall soll es eine unerträgliche sein. Das Stück produziert Gefühle von Hilflosigkeit und Traurigkeit. Hineingezogen in diese private Welt, wird alles ausweglos, spitzt sich zu. Alles steht unter Wasser, die Gefühle werden zu übermächtig.

Denn kennen wir das nicht alle: wenn Mutter pausenlos nervt, der Vater tut als höre er nichts, die Frau mit ihren Tiraden kann sich wohl selbst nicht mehr leiden.

"Liebst du mich noch? Hast du zu niedrige Magnesium-Werte? Du solltest mehr Sport treiben? Was ist mit unserem Sex? Es muss der fehlende Sex sein. Du solltest einfach wichsen! Und merkst du es nicht, du bist gar nicht mehr da!" schreit sie.

Ja, sind wir Zuschauer denn da? Was heißt es außerdem, präsent und anwesend zu sein?

Was ist Wahrheit? - Nichts als Fragen.

Es gibt wahr und gelogen. Die Betrachter dieses Stückes können wählen: drinnen oder draußen, unschuldig oder schuldig, normal oder abgedreht, Leiden in der Komfortzone oder sozialer Abstieg mit Kriminalität und Leichen vor Elektrozäunen... Der tote Hund immer noch im Schnee. Dabei haben sie versprochen, dass es nicht mehr schneit. Wir verlieren alles!!! Was ist denn hier bloß los? Kennst du Zuschauer den Code vom Tor, vom schönen Leben?

Ich kann nicht weiter für dich lügen! Die Welt verliert gerade ihr Licht, ihre Menschlichkeit.<

 

Kultura extra

Von Liane Kampeter

10. Januar 2016

 

 

 

 

“Unter schwebenden Lasten”

 

 >...Dezent verhalten mit wunderbarer Sprachdisziplin, begeisterte

Catharina Fleckenstein als Helena...<

 

Aus der Kritik von Uta Buhr

Januar 2013

 

 

 

„Dennis“ Ein Kind zwischen den Fronten

 

 > ... Das Eröffnungsstück, das in diesen Tagen vor einem beifallsfreudigen Publikum uraufgeführt wurde, heißt „Dennis“.Das kriminalpsychologische Drama von A. A. Lucas vereint die Themen Kindesmissbrauch und Mobbing....

Der berechtigte und verdiente Premierenerfolg ist zum Teil dem wirklich gut geschriebenen „Drama“ des Autors A. A. Lucas zu verdanken....

Drittens muss den Ensemblemitgliedern Esther Barth, Ann-Christine Gruntzdorff, Moritz von Zeddelmann und Ralph Eckstein gedankt werden, die sich mit dem ungemein schweren Stoff akribisch auseinandergesetzt und ihn individuell prägnant ihren so unterschiedlichen Figuren eingehaucht haben.

 

Eindeutig angeführt von der in ihrer darstellerischen Differenzierungs- und Nuancierungskunst unübertroffenen Catharina Fleckenstein, die die Fußstapfen ihres einst berühmten Vaters, des Göttinger Intendanten Günther Fleckenstein, längst hinter sich gelassen hat und ihren eigenen, eigenwilligen künstlerischen Weg geht...<

 

 

Godot - Das Hamburger Theatermagazin

Von Hans-Peter Kurr

August 2012

 

 

 

Spirituelle Gespräche …

 

 

Vor einiger Zeit führte ich einige spirituelle Gespräche mit kreativen Menschen. Das Thema, das mich persönlich interessierte, war Spiritualität. Was bedeutet diesen Menschen das Wort Spiritualität, was verstehen sie darunter, wie leben sie Spiritualität, was nützt ihnen Spiritualität? Was ist Spiritualität im Unterschied zu Religiosität, was hat Kreativität damit zu tun, und vieles mehr.

Schon allein die Frage, warum so viele spirituelle Menschen im weitesten Sinne als Künstler arbeiten, ist eigentlich interessant. Woran liegt das? Und … wie sich an Dr. Dahlke zeigt, kann Spiritualität auch für Ärzte ein nützliches, weil heilendes, Werkzeug sein. Wie ist es möglich, dass Spiritualität heilen kann?

Wenn ich heute das Gesagte zusammenfassen sollte, würde ich sagen, dass die von mir befragten Menschen sich intensiv mit Deutungen der Welt beschäftigen; sie sind achtsam, befragen sich immer wieder selbst, versuchen zu verstehen …. Was ist Glück? Wie lebt man richtig? Was ist das Wichtige im Leben?

Das "Richtige" ist für sie nicht von vorn herein das, was alle sagen, sondern sie suchen in sich. Daher erscheinen ihre Gedanken, sofern diese geäußert werden, dem „Normalmenschen“ vielleicht ab und an auch absonderlich.

Es geht diesen Menschen, so mein Eindruck, oft weniger um Geld, oder um Materielles. Sondern um Erfüllung, Ausgewogenheit, ein Der-Seele-gerecht-Werden … weniger aber um gesellschaftliche Normen. Es sind Menschen, die ihre inneren Welten für wahr und wichtig halten; die Rätselhaftigkeit in sich selbst finden und dies interessant finden.

Für mich waren die Gespräche sehr aufschlussreich und ich bin froh, sie geführt zu haben. Ich fand es erhellend, ein klein wenig tiefer in die inneren Welten anderer einzutauchen; normalerweise sind Gelegenheiten für Gespräche dieser Art dünn gesät. Ich denke, es kam einiges zu Tage, das man erstaunlich und spannend nennen darf.

Ich hoffe, dass diese Gespräche über Spiritualität, Glück und Kreativität für manch anderen so aufschlussreich sind, wie sie es für mich waren.

 

Henrik Geyer, Mai 2016

 

 

Catharina Fleckenstein

 

… um zu berühren müssen wir ehrlich sein

 

Spireo: Was suchen Sie?

 

Antworten auf die Fragen: Woher komme ich? Wer bin ich? Wohin gehe ich?

 

Und zwar in meinem „echten" Leben als auch auf der Bühne. Diese Fragen sind Teil der klassischen Vorbereitung des Schauspielers auf eine Rolle. Mit anderen Worten: Selbst-Erkenntnis und Bewusstwerdung sind das, was mich auf allen Ebenen anspornt.

 

Spireo: Was finden Sie im Theater und nirgendwo sonst?

 

Die Bühne ist ein Phantasie-Raum. Durch das Öffnen und Wechseln der Spielebenen kann die Wahrnehmung und das Bewusstsein des Zuschauers erweitert werden. Das ist das Wesen der Kunst Überhaupt.

Und dennoch ist es im Theater nichts Abstraktes, denn Teil dieses Phantasie-Raums sind Akteure, Menschen, die im Augenblick agieren.

Wenn mich eine Theateraufführung als Zuschauerin begeistert, werde ich innerlich zu dem Kind, das ich war, als ich das erste Mal im Theater saß. Die Qualität des Moments hat sich nie geändert. Ich tauche ein in das Zauberhafte: das Licht, den Geruch, die Stoffe, die Magie.

Bei einer aufregenden Theateraufführung gehen Welten unter und andere erstehen.

Es ist auch möglich, dass nur der Untergang einer Welt beschrieben wird, aber im Zuschauer der Ausblick auf das Erstehen einer anderen entsteht.

In jedem Fall ist das, was geschieht, existentiell. Es geht immer um Sein oder nicht Sein".

Ich glaube an den Theaterabend als kathartischen Vorgang. In dem Sinne, dass ein Prozess stattfindet, der alle Beteiligten auf einer anderen Bewusstseinsebene entlässt als sie sich zu Beginn des Stücks befanden. Die Äußere Handlung ist dabei nur eine Metapher für die geistigen Prozesse.

 

Theater kann es schaffen, Zeit und Raum außer Kraft zu setzen.

 

Unsere gewohnten Koordinaten der Wahrnehmung anders zusammen zu stellen oder völlig fallen zu lassen.

Es ist eine spirituelle Erfahrung, mit den Mitteln des Spiels. Auf spielerische Weise.

Die Zuschauer sollten dafür im Herzen berührt werden. Lachen und Weinen und sich ganz und gar beteiligt fühlen beim Spiel auf der Bühne. Mit den Schauspielern in jedem Augenblick präsent und verbunden sein.

 

Spireo: Was suchen die Besucher im Theater? Kurzweil - und vielleicht noch etwas anderes?

 

Ich glaube, dass Zuschauer, vielleicht ohne dass es ihnen immer bewusst ist, teilnehmen möchten an diesem Wahrnehmungs-Abenteuer. Selbst wenn sie einfach Lust haben nach amüsanter Ablenkung.

Eindruck hinterlässt eine Theatervorstellung, wenn Zuschauer auf einer tieferen Ebene berührt, vielleicht auch verstört und inspiriert werden.

 

Spireo: Was ist Kreativität?

 

Für mich ist Kreativität, wenn Menschen ihrer Verbindung zum Geistigen Ausdruck verleihen.

Das kann alles sein, Kochen, Malen, Tee trinken, egal was. Es kommt auf die innere Haltung an, zu dem, was man tut.

In meinem Fall scheint es das Spiel zu sein -und auch das Geschichtenerzählen. Das ist einfach der Bereich, in dem ich am klarsten die Verbindung, die man auch Intuition nennen könnte, erfahre.

 

Spireo: Was ist Kreativität, wenn man Texte von anderen lernt?

 

Die Sprache ist immer nur ein sehr schmaler Bereich des Ausdrucks. Wenn es sich um eine dichterische Sprache handelt, birgt sie in sich schon mehrere Ebenen. Aber wir brauchen alle Aspekte unserer gestalterischen Ausdruckskraft, der körperlichen, stimmlichen, und vieles mehr, um etwas Lebendiges zu kreieren. Der fremde Text, die Fabel, oder wie man inzwischen sagt, die Story ist nur eine Matrix. Die wesentlichen Vorgänge, sowohl in den Figuren als auch im Zusammenspiel der Figuren miteinander, müssen erst geschaffen werden. Und das in jedem Moment neu.

 

Spireo: Welche für Sie rätselhaften Erfahrungen machen Sie in ihrem Beruf?

 

In erster Linie mache ich aufregende Erfahrungen.

In der Zusammenarbeit mit unserem Ensemble z.B. entsteht oft eine Art „Inspirationsfeld", in dem wir plötzlich wie ein zusammenhängender Körper agieren und ganz viel Kreatives innerhalb des künstlerischen Prozesses entsteht, das sich niemand je theoretisch ausdenken kann. Als wäre ein Kanal geöffnet, durch den die Ideen uns erreichen. Man wird selbst ganz durchlässig, das ist ein beglückender Zustand.

Unser Kennenlernen entspricht am ehesten einer rätselhaften Erfahrung:

Das war bei einer Inszenierung, die mit vielen Schwierigkeiten behaftet war. Es wäre das Selbstverständlichste gewesen, dass alle Ensemble-Mitglieder vor der Premiere aussteigen und die Sache hinwerfen. Teilweise sind uns erhebliche finanzielle Probleme entstanden, weil festgelegte Gagen nicht gezahlt wurden. Aber es hatte sich bereits eine gemeinsame Kraft entwickelt, die stärker war als alle vernünftigen Überlegungen. Sie hat uns weiter geführt und wir haben eine erfolgreiche Premiere gespielt. Freunde, denen ich davon erzählte, konnten das Überhaupt nicht nachvollziehen und haben an meinem Geisteszustand gezweifelt.

Für mich war und ist es eine wesentliche Erfahrung- diese Liebeskraft, die alles andere nachrangig werden liess. Die uns inspiriert hat und fÜr das gemeinsame Projekt alle Möglichkeiten in uns mobilisierte. Seitdem arbeiten wir regelmäßig zusammen- nicht nur in den Proben. Wir machen Übungen, die unsere Wahrnehmung füreinander schult, die unseren „gemeinsamen Atem" verfeinert, innere Blockaden löst.

 

Spireo: Was bedeutet Schauspielkunst für Sie persönlich?

 

Ob Zuschauer berührt werden, hängt davon ab, wie ehrlich wir auf der Bühne sind. Wie ernst- im Sinne der Erzählung - wir es meinen. Wie gut wir handwerklich sind und wie sehr wir uns als Spielende darauf einlassen, die stattfindenden Prozesse transparent zu machen.

Julia Roberts hat das unlängst in einem Interview wunderbar formuliert:

Roberts: "Wir stellen uns ganz und gar aus, zeigen, offenbaren uns. Man ist schutzlos. Und doch müssen wir alles kontrollieren, damit alles glaubhaft wirkt und bloß niemand an der falschen Stelle lacht. Wir versuchen, die Empfindungen und die Verwundbarkeiten der Menschen zu offenbaren. Und das Geheimnis zu enthüllen, weshalb wir uns in der Welt so benehmen, wie wir es tun. Es ist eine seltsame Leidenschaft.

Und je älter ich werde, desto mehr interessiert es mich, diesen Beruf zu ergründen. Eines kann ich sagen: Je erfüllter und sicherer ich mich in meinem Leben fühle, desto weniger fühle ich mich getrieben oder gezwungen, diesen Beruf auszuüben. Und desto eher fühle ich mich bereit, es zu tun."

Diese Erfahrung teile ich. Durch meinen persönlichen Weg, mein Vertrauen zu gründen, Ängste abzubauen, meiner Intuition zu folgen, mich führen zu lassen, entsteht eine immer größere Bereitschaft, mich allen menschlichen Aspekten und Themen zu stellen, nichts zu meiden. Und dadurch steigt die Bereitschaft, diese Aspekte zu zeigen und zu teilen. Im „echten" Leben und auf der Bühne.

 

Spireo: Liebe Catharina Fleckenstein, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.

 

 

 

Das Gespräch wurde im Mai 2014 geführt